Dreharbeiten
1998 · Palm & Enke · Graz
Hans H. Hiebel:
Dreharbeiten.
Erlangen: Palm & Enke 1998
Ein Beispiel:
Am laufenden Band
"der sie dann mit derselben Handvoll
Salz zum Schlachthaus führt"
Dietrich Werner gewidmet
Da steh’ ich nun seit Jahren und weiß noch immer nicht Bescheid. Ich kann das Band nicht verlassen, keine Minute, und zum Chef gehen, um ihn, nur ein einziges Mal, nach dem Sinn und der Art der Produktion zu fragen, in deren Diensten ich hier stehe. Ja, ob es sich überhaupt um eine Produktion handelt, ist mir unklar geblieben. Es ist durchaus möglich, daß wir, die wir uns nicht kennen und an den verschiedensten Enden oder "Mitten" eines Arbeitsprozesses stehen, an einer großen Vernichtungsarbeit teilhaben. Dafür sprechen z.B. die urnenförmigen Gefäße, in welche die Fett-Teile eingelagert werden, die ich an der Gabelung des Fließbandes auszusondern habe. Was ich in Hast ausreißen, abhacken und herausschneiden muß, das kommt von meinem Verteiler-Tisch auf das nach links abfahrende Band, dessen Ende ich gerade noch zu erkennen vermag. Ein Mann, vielleicht ist es auch eine Frau, das kann ich schon nicht mehr mit Bestimmtheit ausmachen, hantiert an seinem Ende, schiebt die Fett-Teile in eine Art Hochofen, drückt die urnenförmigen Blechbüchsen in einen zangenförmigen Greifer, der sie in eine Ausbuchtung des Ofens zwängt und nach einer halben Sekunde wieder, offenbar vollgefüllt, herausreißt und hinunterschleudert in einen Auffangkorb. Ist es ein Vernichtungslager, in dem ich mich befinde? Sicherlich! Aber werden hier Menschen oder Tiere vernichtet? Verschwindet das bearbeitete Material (Fett, Fleisch, Knochen, Zähne, Haut) ungenützt in Regalen, Gräbern? Oder wird es genützt? Verbraucht? Verzehrt? Meine Anatomiekenntnisse sind gering, ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Schule besucht zu haben. Ich stehe hier seit meiner Geburt, so scheint es mir. Wieder und wieder frage ich mich: Welche Sorte von Lebewesen ist es, die ich an meiner Gabelung bearbeite? Hunderttausende von Leichenteilen sind ohne Besinnen durch meine Hände gegangen und ich weiß nicht, woher sie kommen, wohin sie gehen, was für Leichen es sind. Auf das Band, das nach rechts abfährt, kommen die Fleischteile. Am Ende des Bandes steht eine Frau - ein großes, zerrupftes Haarbüschel spricht dafür, daß es sich um eine Frau handelt, obgleich auch dies nicht gewiß ist - eine Frau, die die Fleischteile zerkleinert und in einen zweiten Hochofen befördert, indem sie die Fleischklumpen in die Zange eines Hebekrans legt, der sie hochfährt und in eine Öffnung des Verbrennungsofens wirft. Ob sie in diesem Ofen verbrannt werden oder verarbeitet, verändert, genießbarer gemacht werden, das ist nicht auszumachen. Denn was weiter geschieht, liegt hinter dem Ofen, und dort befördert ein tieferliegendes Band, das nur zuweilen huschende Schatten verraten, das Verarbeitete oder bis auf Reste Vernichtete, das Produzierte oder Zerstörte weiter ins Dunkel der weiten Halle.
Soviel kann ich sagen: Zartes und zähes Fleisch passiert meinen Verteilertisch. Empfange ich eine Serie zarter Fleischstücke, dann bin ich überzeugt, ich gebe mich einer produktiven Arbeit hin. Das muß Sinn haben, sage ich mir, daß meine Vorarbeiter, Lieferanten, Einkäufer so feines, rosafarbenes, kulinarische Vorstellungen wachrufendes Material durch meine Hände schicken. Kommt tagelang nichts als dunkles, sehniges, riesenhaftes Fleisch an mir vorbei, dann bin ich sicher, nicht einem Eingriff des Menschen, sondern dem biologischen Ende der Lebewesen sei sein Daherkommen zu verdanken. Die Wahrscheinlichkeit, daß ich mich in einer Art Bestattungsinstitut befinde, erhöht sich. Aber dann wechseln zarte und zähe Stücke wieder in atemberaubendem Tempo und ich arbeite ganz paralysiert. Wer ist der Lieferant? Ich kann es nicht sagen; Tote sind es jedenfalls, die durch meine Hände gehen. Junge und Alte. Es muß einen bestimmten Sinn haben, daß der Anteil des zarten, jungen Fleisches so hoch ist. Wer aber beantwortet mir diese Frage? Ich darf meinen Posten nicht verlassen, wer ihn verläßt, der ist verloren. Vielleicht wird er selbst mitverarbeitet, wer weiß. Ich weiß nur: das wäre mein Ende. Will ich weiterleben, dann muß ich den vorgeschriebenen Dienst tun (wie jener Lichterputzer hoch oben an der Decke der Halle, der seinen Platz nie verlassen darf). Will ich überleben, muß ich hin und wieder einen Brocken des Fleisches für mich abzweigen.
Manchmal dringt ein Leuchten in unsere zylindrisch gebaute Halle. Es hat den Anschein, als würde das elektrische Licht in einer sich an unsere Halle anschließenden zweiten Halle entzündet. Ich frage mich, ob dort das gleiche abläuft wie hier? Wissen auch die Dortigen nicht, ob sie an einer produktiven Tätigkeit oder an einer Vernichtungsarbeit beteiligt sind? Werden dort die Lebewesen getötet, die in unsere Halle gelangen? Oder ist dort gar keine Halle, sondern nur ein an- und ausgehendes Licht? Unsere Halle ist jedenfalls so groß, daß es immerhin denkbar ist, hier in dieser, unserer Halle würden den an uns und die Kollegen versandten Wesen in der oder jener Ecke des hohen, geräumigen Raums der Garaus gemacht. Arbeiten wir an einem gemeinsamen Projekt? Befinden wir uns in einer Art Tauschsystem oder haben wir ganz und gar nichts miteinander zu tun? Arbeitet jeder an einem anderen Ende, ohne daß es einen Zusammenhang und einen Planungsstab gibt? Ich weiß es nicht; ich bin nicht mehr der jüngste und weiß noch immer nicht Bescheid. Ich werde sterben, ohne es erfahren zu haben, ohne den Chef der Firma jemals gesprochen zu haben.